Mir war mein Lebensweg nie mit Rosen bestreut. Ich wünsche das auch nicht in Zukunft. Gleichwohl werde ich meine Straße weiterziehen, sicher und fest, mit frohem Mut und gutem Gewissen!
Brief an Katharina von Oheimb, 31.12.1924

Der Aufsteiger

In Friedrich Eberts Lebensweg vom Handwerkerkind zum Staatsoberhaupt der ersten Demokratie auf deutschem Boden wird ein bemerkenswerter sozialer Aufstieg deutlich. Geboren am 4. Februar 1871 als Sohn eines Schneiders in Heidelberg, absolvierte Ebert nach der Volksschule eine Lehre zum Sattler. Während seiner Wanderjahre als Handwerker schloss er sich 1889 der SPD an. Ab 1891 lebte er in Bremen, wo er zunächst in seinem gelernten Beruf, dann als Gastwirt arbeitete. 1893 erhielt er eine Festanstellung als Redakteur der „Bremer Bürger-Zeitung“, dem örtlichen Blatt der Sozialdemokratie. Außerdem übernahm er den Vorsitz der Partei und des Sattlerverbands in Bremen und wurde in die Bürgerschaft gewählt, wo er sich für Mindestlöhne und die Begrenzung der Arbeitszeit einsetzte.


Der politische Lehrling

Die Wiege des ersten Reichspräsidenten stand in der Altstadt der nordbadischen Universitätsstadt Heidelberg: In einer 45 qm kleinen Dreiraumwohnung in einem niedrigen Zwischengeschoss erblickte Friedrich Ebert am 4. Februar 1871, im Jahr der Gründung des Deutschen Reichs, das Licht der Welt.

Über Kindheit, Jugend und Erziehung Friedrich Eberts weiß man nur wenig. Das siebte von neun Kindern der aus dem Odenwald stammenden Karl und Katharina Ebert, von denen drei im Säuglings- und Kleinkindalter verstarben, durchlebte die typische Jugend im Milieu der Kleinhandwerker, Arbeiter und Tagelöhner. Trotz der Enge im Haushalt wuchs er in relativ gesicherten Verhältnissen auf, denn sein Vater, der als Schneider tätig war, gehörte zu den Besserverdienenden der Zunft. Auch wenn der Heranwachsende wahrscheinlich nicht den täglichen Kampf um Arbeit und Auskommen erfahren musste, so dürfte ihn das Umfeld im Kleine-Leute-Viertel für die sozialen Missstände sensibilisiert haben. Ebert wurde katholisch getauft, trat später aber wie viele Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen aus der Kirche aus.

Mit durchschnittlichem Erfolg besuchte er von 1877 bis 1885 die Volksschule und absolvierte anschließend eine Sattlerlehre, nach deren Abschluss er sich Anfang 1889 auf die übliche Gesellenwanderung begab. Ebert kam auf der Walz im Austausch mit anderen Gesellen erstmals mit den politischen Ideen der Arbeiterbewegung und des Marxismus in Berührung. Er schloss sich der Sozialdemokratie an, der damals noch jungen Bewegung des sozial und politisch benachteiligten Proletariats, die sich Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Nach kurzen Aufenthalten in Braunschweig, Wesel, Barmen und Quakenbrück erreichte Ebert im Mai 1891 Bremen, eines der jüngeren Zentren der Sozialdemokratie. Bereits mit einiger Erfahrung in Organisation und Arbeit der Bewegung ausgestattet, sollte Ebert 14 Jahre in der Hansestadt bleiben und vom Nachwuchsmann der SPD zu einem überregional bekannten Funktionär aufsteigen. Wie bei den meisten sozialdemokratischen Führungsfiguren des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, begann Eberts politische Karriere als mittelloser Geselle ohne akademische Vorbildung, der direkt oder in seiner Umgebung existentielle Armut erfahren hatte. Eigeninitiativ, selbstorganisiert und im steten Austausch mit den Gesinnungsgenossen musste er sich die Bildungsgrundlagen und rhetorischen Fertigkeiten für seine politischen Ambitionen mühsam selbst erarbeiten. Er sollte über die Karriere in der Arbeiterbewegung aus eigener Kraft den sozialen Aufstieg schaffen, dabei aber nie den Bezug zu seiner Herkunft und seinen sozialen Wurzeln verlieren.

Wir streben die Beseitigung jeglicher Klassenherrschaft an und verlangen […] die volle politische Gleichberechtigung aller ohne Unterschied.
Rede vor Sozialdemokraten in Bremen, 11. November 1902

Die Unterdrückung der Arbeiterbewegung und frühe politische Prägungen

Friedrich Eberts frühes und entschiedenes Eintreten für die Demokratie als Staatsform speist sich auch aus der unmittelbaren Erfahrung von Willkür und Unterdrückung des wilhelminischen Obrigkeitsstaats. Mit dem Sozialistengesetz vom 19. Oktober 1878 wurden alle sozialdemokratischen Organisationen verboten. Das Gesetz bildete den Höhepunkt repressiver Maßnahmen, mit denen Reichskanzler Otto von Bismarck, Monarchisten und Konservative die Arbeiterbewegung zerschlagen wollten. Sie betrachteten die Repräsentanten der organisierten Arbeiterbewegung, die eine Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterklasse und die Überwindung der gegebenen undemokratischen Herrschaftsstrukturen anstrebten, als „Reichsfeinde“. Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen wurden zu Hunderten verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt, ihre Zeitungen verboten. Fast Tausend wurden aus ihren Wohnorten ausgewiesen und viele ins Exil gezwungen. Das Sozialistengesetz erreichte sein Ziel nicht. Im Gegenteil: das sozialdemokratische Exil und die im Reich verbliebenen Genossen und Genossinnen setzten ihre Arbeit in der Illegalität intensiv fort. Die Aufhebung des Gesetzes 1890 wurde zum Schlüsseljahr der Sozialdemokratie und beschleunigte die Emanzipation der Arbeiterbewegung. Die damaligen politischen Führungsfiguren der SPD verwiesen gerne darauf, das Sozialistengesetz noch erlebt und die Zeit der schärfsten Unterdrückung und Diskriminierung überstanden zu haben. Das verlieh Autorität in den eigenen Reihen. Obwohl Ebert lediglich für einige Monate unter dem Sozialistengesetz gelitten hatte, verwies auch er später mit Stolz darauf, seinen Weg in der Phase der Sozialistenhatz Bismarcks begonnen zu haben.


Bildergalerie

Pfaffengasse

Pfaffengasse

Katharina Ebert

Katharina Ebert

*6.8.1834 - †14.12.1897
Geburtswohnung Ebert, Heidelberg

Geburtswohnung Ebert, Heidelberg

Foto der Schulklasse

Foto der Schulklasse

Friedrich Ebert unten links in der dritten Reihe (3. v. l.). Die Schüler sind etwa sieben Jahre alt
Ebert als Geselle mit etwa 20 Jahren

Ebert als Geselle mit etwa 20 Jahren

Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie („Sozialistengesetz“)

Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie („Sozialistengesetz“)

21.10.1878
Friedrich Ebert mit zwei Freunden im Fotoatelier

Friedrich Ebert mit zwei Freunden im Fotoatelier

Bremen 1894
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